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Kaiserin Elisabeth (1837-1898)
"Sissi", "Sisi"

 

 

Am Heiligabend des Jahres 1837 erblickte Elisabeth in München das Licht der Welt. Alles sprach dafür, dass die Geburt des Kindes unter einem glücklichen Stern stand, und in der Tat war Elisabeth ein fröhliches, empfindsames und zufriedenes Kind. Mit ihren sieben Geschwistern verbrachte sie die Sommermonate jeweils auf dem kleinen Schloss Possenhofen am Starnbergersee. Hier konnte sie ihren Freiheitsdrang ausleben, ging reiten, war eins mit der Natur konnte sich im ihre Tiere kümmern.
Elisabeths Mutter Ludovika war eine Tochter des bayrischen Königs Maximilian I. und dessen zweiter Ehefrau Karolina von Baden. Ihre drei Schwestern ehelichten allesamt je ein Mitglied eines Königshauses, doch Ludovika heiratete Max, welcher den Herren von Birkenfeld-Gelnhausen angehörte, einer Seitenlinie der Wittelsbacher. Obschon Max  den Titel „Herzog von Bayern“ tragen durfte, war Ludovika enttäuscht, dass sie sich nicht in ein Königshaus eingeheiratet hatte. Ludovikas Ehe war keine besonders glückliche, denn mit ihrem Mann hatte sie kaum eine Gemeinsamkeit. Max war ein freiheitsliebender Mensch, ein Lebemann und Schürzenjäger, floh wann immer möglich offizielle Pflichten und war unzuverlässig. Um die Erziehung seiner Kinder kümmerte er sich eher wenig, nur seiner Lieblingstochter Sissi war er verfallen. Ludovika hingegen war allen ihren Sprösslingen eine gute, aber auch ehrgeizige Mutter und kümmerte sich rund um die Uhr um sie, brachte ihnen jedoch erst spät die Gepflogenheiten des aristokratischen Lebens bei. Als Sissis älteste Schwester Helene als künftige Ehefrau Kaiser Franz Josephs in Betracht gezogen wurde, sah Ludovika darin ihre Chance, endlich doch noch in das unmittelbare Umfeld einer Krone zu kommen. Ihr Mann Max hatte jedoch nicht besonders viel übrig für solche adlige Verkupplungen. Franz Joseph war Ludovikas Neffe, denn ihre Schwester Sophie hat den Habsburger Erzherzog Franz Karl, Bruder Kaiser Ferdinands I., geheiratet, mit welchem sie fünf Kinder hatte.

Im Sommer des Jahres 1853 war die Verlobung Helenes mit Franz Joseph in Bad Ischl geplant. Doch als sich alle Beteiligten in dem Salzburger Städtchen einfanden, verlief alles anders, denn als Franz Joseph die 15jährige Sissi sah, verliebte er sich in sie und verlobte sich mit ihr anstatt mit Helene. Ludovika war verwundert und Sophie verärgert, denn ihr Sohn sollte die wohlerzogene Helene heiraten und nicht ein Kind, das von höfischen Sitten und Manieren keine Ahnung hatte. Sissi war unbeholfen, verwirrt und wusste nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Wohl fand sie Gefallen an dem jungen Franz Joseph, wurde ihre Unsicherheit zunächst jedoch nicht los. Dennoch entschied sie sich, ihrem Verlobten in die Kaiserstadt Wien zu folgen und ihn zu ehelichen. Im April 1854 fand in der Augustinerkirche die Hochzeit statt, welche so prunkvoll war, wie selbst Wien es selten gesehen hat. Die Liesel von Possenhofen war nun Kaiserin von Österreich, und ihr Leben sollte nun eine jähe Wende erfahren. Es war eine politisch schwierige Zeit, und Kaiser Franz Joseph war stets sehr beschäftigt und hatte im Namen des Staates viele Probleme zu bewältigen. Daher blieb ihm wenig Zeit, sich um seine Frau zu kümmern, weshalb er sie oft allein liess. Elisabeth konnte sich ferner nicht an die strenge Wiener Hofetikette gewöhnen. Sie hasste das strenge Regiment ihrer Tante und Schwiegermutter Sophie, welche grossen Wert auf die Einhaltung der Sitten und Regeln in der Hofburg legte. Sophie akzeptierte Sissi ebenfalls nur zähneknirschend, denn nach wie vor sah sie in der jungen Frau das störrische und widerspenstige Kind aus dem bayrischen Hinterland. Trotz der Abneigung gegenüber all dem Zeremoniell war Sissi zunächst bemüht, alle Erwartungen, die an sie gestellt wurden, zu erfüllen und sich so gut wie mögliche anzupassen und allen Regeln zu fügen. Man versuchte, das unerfahrene Mädchen zu einer Kaiserin zu formen.


 

Sissis natürliche Schönheit und ihre grossartige Ausstrahlung machten sie bei der Bevölkerung beliebt wie kaum eine Kaiserin zuvor. Doch diese Ausstrahlung wurde immer mehr zur Fassade, denn Sissi begann seelisch zu zerfallen und sich in die Melancholie zu flüchten. Oft zog sie sich zurück und drückte ihren Kummer und ihre unerfüllte Sehnsucht nach Freiheit aus, indem sie ihr Empfinden in Gedichten niederschrieb. Im laufe der Zeit häuften sich zahllose Gedichte an, welche später Aufschluss über Elisabeths Gefühlswelt geben sollten. Ihr einziger Trost war ihr Ehemann Franz Joseph, den sie von Herzen liebte. Aber auch dieser Trost hielt sich in Grenzen, war er doch ständig beschäftigt und musste unzähligen Verpflichtungen nachkommen. Sissi gebar ihm zwei Töchter, Sophie und Gisela. Erstere starb jedoch bereits mit zwei Jahren, was ein erster grosser Schicksalsschlag für die Kaiserin bedeutete. Ein mit Freuden erfüllter Moment brachte das Jahr 1858, als Sissi in Schloss Laxenburg einen lang ersehnten männlichen Nachkommen zur Welt brachte, Kronprinz Rudolf. Die Freude wurde jedoch bald getrübt, denn das Kind wurde – wie auch schon Sophie und Gisela – der Mutter entzogen und der Obhut Erzherzogin Sophies unterstellt, welche den Kindern eine Erziehung erteilen wollte wie sie kaiserliche Nachkommen erhalten müssen, denn Elisabeth empfand sie als zu jung und ungeeignet für diese wichtige Aufgabe. Sissis Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter verschlechterte sich dramatisch.
Sissis Liebe zu Franz Joseph beruhte auf Gegenseitigkeit. Dennoch litt sie unter seinem krankhaften Pflichtbewusstsein und seiner Arroganz. Er hatte eine gewisse Kaltblütigkeit von seiner Mutter geerbt und liess dies seine Frau nicht selten spüren. Es kam soweit, dass Sissi 1860 aus Wien flüchtete, nachdem sich Frauengeschichten ihres Mannes gehäuft hatten. Sie ging auf Reisen und kehrte oft monatelang nicht nach Wien zurück zu ihrem Mann. Es kommt hinzu, dass Sissi an einer heimtückischen Krankheit litt, welche von den Hofärzten als „Lungenschwindsucht“ deklariert wurde. Mit grosser Wahrscheinlichkeit dürfte es sich dabei jedoch um eine Geschlechtskrankheit gehandelt haben, welche sie sich bei ihrem Mann geholt hatte.

Auf ihren Reisen wurde Sissis gesundheitlicher Zustand stabiler. Sie liess sich für längere Zeit auf Madeira, Venedig und danach auf der griechischen Insel Korfu nieder. 1861 kehrte sie auf Drängen des Wiener Hofes widerwillig in die Kaiserstadt zurück. Elisabeth war zu dem Zeitpunkt schon lange nicht mehr das naive Mädchen wie anfänglich, sondern eine selbstbewusste junge Frau.

Sissi hegte eine innige Liebe zu Ungarn und dessen Kultur und Sprache. Das Land war dem österreichischen Staat jedoch schon lange ein Klotz am Bein, denn das Land kämpfte stets um seine Unabhängigkeit – erfolglos. Erzherzogin Sophie lehnte alles ab, was mit Ungarn zu tun hatte, was natürlich für die staatlichen Beziehungen doppelt schlecht war. Um 1866 befand sich das Habsburgerreich in einer ernsthaften Krise, und ein Zerbrechen des Vielvölkerstaates war fast absehbar. Jetzt setzte sich Sissi mit aller Kraft für ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Österreich und Ungarn ein, indem sie den Zuspruch gewisser Rechte und Freiheiten für den ungarischen Staat forcierte. Sie schaffte es, dass Ungarn eine gleichberechtigte Nation wurde mit Budapest als Hauptstadt, die der Kaiserstadt Wien ebenbürtig war. Die österreich-ungarische Doppelmonarchie (k.u.k.) war entstanden, und 1867 wurde das österreichische Kaiserpaar in Budapest zum Königspaar gekrönt. Die Ungaren liebten ihre Königin! Im Folgejahr brachte Sissi ihr viertes Kind zur Welt, Erzherzogin Marie Valerie. Das Mädchen stand ihrer Mutter näher als ihre Geschwister, wurde von Sissi in der ungarischen Sprache erzogen und verbrachte die meiste Zeit mit ihr im Barockschloss Gödöllö bei Budapest, wo sich Sissi am liebsten aufhielt.

 

Trotz der Errungenschaft des Völkerverständnisses war Sissi der Politik abgeneigt und beschäftigte sich viel lieber mit sich selbst. Sie war für ihre Schönheit berühmt, welche bald ihren gesamten Tagesablauf bestimmte. Ihr grösster Stolz war ihre Haarpracht, die bis zu den Fersen reichte und die oft Stunden der Pflege in Anspruch nahm. Um ihre extrem schlanke Figur zu halten, trieb sie eifrig Sport, lief kilometerweit, hielt strengste Diät und zwängte sich in extrem enge Korsette, welche sie bis aufs Maximum zuschnürte. Ihrer Gesundheit hat sie damit keinen Gefallen getan wie sich später zeigen sollte. Sissi war ihrem Schönheitswahn derart verfallen, dass sie nicht selten ihre Pflichten am Hof vernachlässigte, weil sie sich nicht schön genug fühlte, um sich dem Volk zu präsentieren. Mit zunehmendem Alter liess sie sich auch nicht mehr Photographieren und versteckte ihr Gesicht und vor allem ihre schlechte Zähne hinter ihrem Fächer oder einem Schleier. Ihr Ehrgeiz schlug sich nicht nur bei ihrem Aussehen nieder, sondern auch beim Reitsport. Wie angefressen frönte sie diesem und unternahm oft fast endlose Ritte durch die ungarischen Ebenen. Vor waghalsigen Reitmanövern schreckte sie nie zurück, was ihr Mann und der Hof natürlich höchst ungern sahen, denn eine Königin und Kaiserin darf sich schliesslich nicht leichtsinnig in Gefahr bringen. Der Kaiserin wurde nachgesagt, die beste Reiterin Europas zu sein. Als jedoch rheumatische Beschwerden das Reiten für Elisabeth unmöglich machten, gab sie sich ihrer zweiten grossen Leidenschaft, der Poesie, hin. Sie verehrte ihr grosses Vorbild Heinrich Heine abgöttisch und hegte den Wunsch, nicht nur als Kaiserin, sondern auch als grosse Dichterin in die Geschichte einzugehen. Später deklarierten Experten Sissis poetische Werke jedoch als künstlerisch nicht wertvoll. Elisabeth zog sich immer mehr vom Hof zurück. Das Verhältnis zu ihrem Mann war so gut wie keines mehr, denn beide Eheleute hatten sich nichts mehr zu sagen, obwohl der Kaiser seine Frau nach wie vor liebte. Um Franz Josephs Einsamkeit zu mildern, führte Sissi ihm eigenhändig die Schauspielerin Katharina Schratt zu, welche für ihn eine herzliche Lebensgefährtin wurde. 

Wie bereits angetönt war Sissis Leben von einer Reihe von Schicksalsschlägen begleitet, die mit dem frühen Tod ihrer ersten Tochter Sophie begonnen hatte. Im Jahr ihrer Krönung zur ungarischen Königin wurde ihr Schwager Maximilian I., Kaiser von Mexiko, von Aufständischen erschossen. Im Jahre 1886 ertrank einer ihrer engsten Freunde, ihr Vetter König Ludwig II. von Bayern, unter bis heute ungeklärten Umständen im Starnbergersee. Drei Jahre später nahm sich ihr Sohn Rudolf mit seiner Geliebten Mary Vetsera in Schloss Mayerling das Leben. Dies war der härteste aller Schicksalsschläge, und Sissi hat ihn niemals verarbeiten können, zumal sie sich an der Tragödie wegen ihres eigenen Verhaltens mitschuldig fühlte. Sie zog sich noch mehr von öffentlichen Leben zurück und musste 1897 noch miterleben, wie ihre Schwester Sophie bei einer Brandkatastrophe in Paris ums Leben kam, welche von einem defekten Kinematographen an einem Wohltätigkeitsbazar verursacht wurde und insgesamt rund 120 Menschen das Leben kostete. Aus Sissis Gedichten dieser Jahre geht hervor, dass sie selber des Lebens müde geworden war und gar mit Suizidgedanken spielte. Ihr Kummer und ihre Vereinsamung müssen für sie unerträglich geworden sein.

Im September 1898 reiste Elisabeth in die Schweiz. Eine Schifffahrt bracht sie mit ihrer Begleitdame nach Genf, wo sie im Hotel Beaurivage nächtigte. Um nicht erkannt zu werden, war sie inkognito als Gräfin Hohenembs unterwegs, aber man wusste dennoch, wer sie in Wirklichkeit war. Als Sissi am nächsten Tag, am 10. September 1898, mit ihrer Begleiterin das Hotel verliess und wieder das Schiff besteigen wollte, welches sie über den See bringt, näherte sich ihr auf dem Schiffsteg ein Mann – Luigi Lucheni, ein 25jähriger Anarchist. Dieser zog eine dünne geschliffene Feile hervor und stiess sie Elisabeth in die Brust. Die Kaiserin fiel zu Boden. Das alles ging sehr schnell vor sich, so dass niemand realisierte, was soeben geschehen war. Herbeigeeilte Passanten halfen Elisabeth aufzustehen. Sie bedankte sich mehrsprachig und bestieg mit ihrer Hofdame das Schiff. Sie vermutete, dass der junge Mann ihr womöglich die Uhr stehlen wollte. Auf dem Schiff jedoch sank sie ohnmächtig zusammen und kam nicht mehr zum Bewusstsein. Jetzt erst entdeckte man auf Elisabeths Bluse einen kleinen Blutfleck und somit die Verletzung. Die leblose Kaiserin wurde sofort zurück ans Ufer gebracht, aber der Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Die Welt stand unter Schock.

 

 

Luigi Lucheni konnte kurz danach verhaftet werden. Er gab an, dass er nach Genf gekommen sei, um den Herzog von Orléans zu töten. Da er diesen jedoch nicht lokalisieren konnte, habe er die nächst beste umgebracht. Man konnte seiner Aussage aber keinen Glauben schenken, denn seit Mai 1898 hielt sich Lucheni in Lausanne auf, wo er sich einer Gruppe von Anarchisten angeschlossen hatte. So vermutete man einen gezielten Mordkomplott gegen die österreichische Kaiserin. Lucheni wurde zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt und beging im Oktober 1910 Selbstmord. Seine Worte „Ich bereue nichts!“ gingen in die Geschichte ein. Denkwürdig ist ein Zitat Elisabeths in ihrem Tagebuch, welches sie kurz vor ihrem Tod niedergeschrieben hat: „Ich möchte, dass meine Seele durch ein kleines Loch in meinem Herzen in den Himmel kommt.“ 

Kaiserin Elisabeth von Österreich ist heute hauptsächlich als Sissi (oder Sisi) bekannt und ist zu einem der grossen Mythen der Weltgeschichte geworden. Ihr tragischer Lebenslauf berührt noch heute die Menschheit, und spätestens seit der Sissi-Trilogie mit Romy Schneider aus den Jahre 1955-57 ist Elisabeths Geschichte Kult schlechthin, obwohl die Spielfilme bei weitem nicht der Wahrheit entsprechen, aber wenigstens einen Eindruck vermitteln, in welcher Umgebung („Goldener Käfig“) sich die Kaiserin bewegte. Kaum woanders auf der Welt wird eine Monarchin posthum so erfolgreich und flächendeckend vermarktet wie Sissi. Millionen von Besuchern aus der ganzen Welt kommen nach Wien, um sich auf die Spuren der zweitletzen Kaiserin von Österreich zu begeben, sei es nach Schönbrunn, ins Sissi-Museum, in ihre Gemächer in der Hofburg oder an ihre letzte Ruhestätte in der Kaisergruft, wo ihre sterblichen Überreste in einem Sarg bestattet sind neben ihrem Ehemann Kaiser Franz Joseph und ihrem Sohn Kronprinz Rudolf.

 





Ölgemälde von Hermann Nigg um 1882

 


Elisabeth-Denkmal am Quai du Mont Blanc in Genf


Denkmal und Hotel Beau Rivage, wo Elisabeth ihre letzte Nacht verbrachte


 


Sissi und Franz Joseph