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Und der am Tod und der Schattenwelt ohnehin interessierte
Eduard Strauss schildert in seinen Memoiren,
nachdem er mit seinem Bruder
Josef in die Katakomben hinabgesteigen war:
"In der Mitte der Sechzigerjahre wurden die Katakomben der St.
Stephanskirche blossgelegt. Als ich hievon erfuhr, bewarb ich mich für
mich und Josef, von dem ich wusste, dass ihn solche Dinge interessieren, um
Einlasskarten, welche ich auch erhielt. Drei Diener mit Fackeln leuchteten
dem kleinen nur aus sechs Herren bestehenden Zuge. Gleich in der ersten
Galerie stiessen wir mit den Füssen auf umherliegende Schädel und
Brustskelette, aus welchem sich durch den Anprall Zähne und Rippen lösten.
In der zweiten Galerie, etwa zwanzig Stufen tiefer, sahen wir hölzerne Särge
an den Wänden aufgeschichtet oder in die Erde gebettet. Einer der Arbeiter
ersuchte mich, beiseite zu treten, da ich auf einem solchen Sarge stand. Er
hob nun den Deckel desselben, der sich von der Erde noch unterschied, ab,
und vor uns im Fackelschein lag ein Kapuziner, angetan mit seiner Kutte, den
Rosenkranz um die Finger gewickelt. Hände und Finger waren zwar dürr, aber
mit Haut bekleidet, die Nägel blau, aber unversehrt.
Auch waren die
Kopfhaare ganz deutlich, von den Augenbrauen hingegen jedoch nur noch Spuren
wahrzunehmen. Trotz des eigentümlichen Eindruckes, den diese wohlconservierte Mumie auf ihre Besucher machte, wurde noch ein Sargdeckel
geöffnet. Er hatte bis nun eine mit einem verschnürten Dolman gezierte
Frauenleiche, wohl die einer ungarischen Dame. Waren wir durch den Anblick
dieser Mumien schon aufs höchste erstaunt, so sollte uns noch eine grössere
Überraschung zuteil werden, als wir etwa zehn Stufen tiefer die zirka 2 1/2
Stockwerke unter der Erde sich befindliche dritte Galerie betraten. Sie
erwies sich als ein grosser, viereckiger Raum und barg 42 entblösste
Leichen, deren wir bei dem Scheine der Fackeln ansichtig wurden..."
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Der Katakombentourismus
florierte, und immer mehr Abenteuerlustige wollten eine Exkursion in die
grässliche Schattenwelt unter dem Stephansdom unternehmen. Den
Höhenpunkt erreichte das Geschäft im Jahre 1873, als die Weltausstellung in
Wien stattfand. Die Wende kam jedoch noch im gleich Jahr, als in Wien die
Hausbrunnen nach Eröffnung der ersten Wasserleitung nicht mehr ausgeschöpft
wurden und somit der Grundwasserspiegel anstieg.
Das führte zu einem höheren
Feuchtigkeitsgrad in den Katakomben, worauf man die zahllosen Leicheteile
wegschaffen und die Gebeine in tiefen Gruben bestatten musste. Für den
Besucher ist nur ein kleiner Teil des ganzen Katakombensystems
zugänglich, was jedoch reicht, einen Eindruck über die einstigen
Zustände und Gepflogenheiten in der Nekropole Wien zu gewinnen. Es ist
nahezu erschreckend, dass nur wenige Meter in der Vertikalen ein buntes,
fröhliches Grossstadttreiben von einer unheimlichen, finsteren und
traurigen Totenwelt trennen können... |
Bericht von
Frances Trollope
1.
Dezember 1836
"Als Eingang zu diesen Grüften dient ein unscheinbares
Tor zwischen Häusern hinter der Kathedrale, welches in eine kleine und
schmutzige Kammer führt, in der ein paar Weiber beim Waschen waren. Durch
diese Kammer kamen wir in einen gepflasterten Hof, oder vielmehr in einen
Gang, der ebenfalls schmutzig war und sich in gleichem Zustande häuslicher
Benutzung befand. Am anderen Ende desselben war wieder eine Türe, von der
die Stufen in die Katakomben führten. Die Verborgenheit dieses Zuganges
bewies, dass wir im Begriffe waren, etwas zu sehen, dessen Anblick nicht oft
gesucht wurde. Und hätten wir daraus den vernünftigen Schluss gezogen und
gefolgert, allenfalls nichts Sehenswertes zu versäumen, so wären wir der
schrecklichsten Szene, die sich je den Blicken von Sterblichen darbot,
entgangen.
Statt umzukehren, wie wir es meiner Meinung nach
hätten tun sollen, trieb uns der Dämon der Neugierde vorwärts. Wir stiegen
die Stufen hinab, bekamen jeder ein Wachslicht in die Hand und begannen dann
unsere entsetzliche Exkursion. Zwei Männer begleiteten uns, einer ging
voran, der andere folgte. Beide zählten die Personen und schärften uns
ernsthaft ein, beisammen zu bleiben. Unser Zug passte einigermassen zu dem
Schauspiele, denn die Wachskerzen, die wir trugen, glichen jenen, die man
bei feierlichen Leichenbegängnissen trägt, und waren zweifellos auch schon
dazu verwendet worden, denn sie alle waren schon teilweise abgebrannt.
Nachdem wir ein Stück in dem engen Gange weiterkamen,
kehrten wir um eine Ecke und befanden uns am Anfang einer anderen, weit
schöneren Flucht von Stufen. Diese Treppe war aus Stein und aus demselben
Material überwölbt. Die vorhergehende war, wie ich glaube, aus Holz und
konnte kein Teil der ursprünglichen Anlage gewesen sein. Wo der frühere
Eingang war, weiss ich nicht; wahrscheinlich ist er zugemauert, und jener,
durch den wir hindurchkamen, war nur für die Bequemlichkeit derjenigen,
deren grässlicher Beruf sie zuweilen in diese alten Gräber führt.
Als wir durch den Gang schritten, der von dieser
zweiten Treppe weiterführte, gewahrte ich hoch über unseren Häuptern einen
schwachen Schimmer des Tageslichtes! Ich erkundigte mich, woher die käme,
und erfuhr, dass das Licht von einem Gitten im Dome herrühre, von wo die
Leichen einst in die Grüfte hinabgelassen wurden. Wir setzten unseren Weg
fort, ohne auf etwas Schrecklicheres zu stossen, als man natürlicherweise in
Grüften, die zur Aufbewahrung menschlicher Überreste bestimmt waren,
erwarten musste; das heisst, wir sahen zuerst auf der einen Seite Wände, die
aus menschlichen Gebeinen bestanden, zwar von keiner grossen Ausdehnung,
aber genauso angeordnet, wie es die Abbildungen der Pariser Katakomben
zeigen. Und hier hätte die Führung enden müssen. Sie hätte zweifellos auch
hier geendet, wenn bloss je eine Besichtigung beabsichtigt war.

Diese Zeichnung zeigt F.
Trollope mit ihrer Tochter und dem Gefolge in den Katakomben
Aber der Mann, der voranging, schritt immer weiter,
und wir alle folgten ihm. Plötzlich änderte sich der Schauplatz, jede
Beziehung zu Ordnung und Ehrfurcht von den hier aufgeschichteten
menschlichen Überresten schwand. Es bot sich uns ein solches Bild, wie es
mich sicher das ganze Leben hindurch in meinen Träumen verfolgen wird. Wir
erreichten eine grosse, viereckige Gruft, in der unser Führer hielt, und
indem er das Licht, das er trug, senkte, zeigte er uns auf dem Boden, der
von ungeheuren Massen widerlichen Moders bedeckt war, einen Haufen ganzer,
nackter, unbestatteter Leichen in den verschiedensten Lagen, wie sie nur der
Zufall bewirken kann. Durch eine besondere Beschaffenheit der Luft,
wahrscheinlich wegen des auffallenden Mangels an Feuchtigkeit, findet die
Zersetzung, welche gewöhnlich dem Tode folgt, hier nicht statt.
Die Haut ist statt dessen zu dickem Leder
eingetrocknet, während die Form der Körper und in vielen Fällen sogar die
Gesichtszüge so unverändert blieben, dass ihre grinsende Ähnlichkeit sie uns
so ergreifend und entsetzlich wie möglich macht. Die verschiedenen
Stellungen und der vielfältige Ausdruck jedes gespenstischen Hauptes schien
dem Tode Leben zu geben, und ich zitterte, als ich diese Dinge des
Schreckens betrachtete, dass ich wahnsinnig würde.
Solch ein Schauspiel und die nachlässige Unordnung, in
welcher die schauderhaften Gerippe zerstreut lagen, waren in der Tat genug,
um die Schritte eines Weibes wankend zu machen und ihre Sinne zu verwirren,
dennoch war dies erst der Anfang der Schrecken. Nachdem unser Führer uns
Zeit gelassen hatte, uns umzusehen und die ganze eklige Szene zu
überblicken, fasst er eines dieser kläglichen Überreste menschlichen Seins
an der Kehle, hob die Leiche vor unseren Augen hoch, liess sie vor uns
aufrecht stehen und schwenkte dabei seine Fackel so, dass wir sie in ihrer
ganzen Hässlichkeit sehen konnten. Dann verbreitete er sich dabei über ihre
Grösse und ihre guten Proportionen, liess plötzlich die rasselnde Leiche vor
unseren Füssen fallen, hob eine andere auf, sagte, dass es ein Frauenzimmer
wäre, erhob eine dritte, lehnte sie mit der Hand, in der er das Licht hielt,
gegen seinen Körper und riss mit der anderen lange Streifen der
vertrockneten Haut ab, um uns zu zeigen wie zähe sie sei.
Hätte ich klar überlegen können, so würde ich mit
Macht darauf bestanden haben, wieder zurückzukehren, um mit allen noch
verbliebenen Kräften den gesegneten Anblick des Lichtes und des menschlichen
Lebens wiederzuerlangen; aber ich war benommen, von Schauder ergriffen und
gänzlich verwirrt, und so folgte ich der Gesellschaft, ohne ein Wort zu
sprechen…
Ich kann nicht sagen, durch wie viele solche
schreckliche Höhlen wir kamen: das eine weiss ich aber, dass Fledermäuse an
den Wänden hängen und unzählige Menschenleichen mich mit geöffnetem Mund
angrinsten, als ich vorüberging...“

Der äussere
Abgang zu den Katakomben
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