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In der
Michaelergruft befinden sich neben einigen barocken Zinnsärgen hauptsächlich
schlichte Särge aus Holz, welche mit Malereien versehen und
aneinandergereiht sind. Die aufgemalten Motive sind unterschiedlich, doch
dominieren Sujets der Vergänglichkeit (Vanitas-Symbole) wie Totenschädel mit
Blumenkranz, Sanduhren oder gebrochene Lebenskerzen. Durch die hier
herrschenden besonderen Klimaverhältnisse und weitere, bislang nicht genau
erklärliche Einflüsse geschah es, dass zahlreiche Leichen nicht verwesten,
sondern austrockneten und mumifiziert wurden. Ein bizarres und schauerliches
Gefühl überkommt den Besucher beim Anblick der Toten, welche mit schrecklich
verzogenen Gesichtern aus leeren Augenhöhlen in den Raum starren. Bei
einigen Leichen erkennt man ganz deutlich die Kleidung, welche sie bei der
Bestattung getragen haben; barocke Umhänge, Samtpantoffeln, höfische
Kniehosen oder lange Kleider. Diese Bekleidungsstücke sind jedoch nach wie
vor dem steten Zerfall ausgesetzt, und es ist nur noch eine Frage der Zeit,
bis sie sich gänzlich aufgelöst haben. In der Michaelergruft kann man Zeuge
von Verfallprozessen werden, der hier Jahrhunderte dauern. So ist fast jedes
Stadium der Verwesung vorhanden von – wie erwähnt – gänzlich ausgetrockneten
Leichen über feuchte Leichname, welche durch ihre braune bis schwarze Farbe
und dem entsprechenden Geruch einen Zustand in fortschreitender – wenn auch
sehr schleppender – Verwesung aufzeigen bis hin zu völlig zersetzten
Körpern, von denen nur noch einige knochige Überreste zu erkennen sind.
Meist wurde der Boden der Särge mit Hobelspänen bedeckt, damit die durch die
Verwesung austretende Leichenflüssigkeit aufgesogen und absorbiert werden
konnte, was wohl in vielen Fällen die Mumifizierung unterstützte.
Die
„populärste“ der unverwesten Leichen ist eine offenbar junge Frau, welche
hochschwanger bestattet worden zu sein scheint, was aber nicht mit
Sicherheit belegt ist, denn genauso gut könnte die Frau an einem Tumor
gelitten haben. Aufgrund pietätbezogener Gründe hat man die Tote nie
obduziert und untersucht. Aber der wohl prominenteste hier Bestattete ist
Pietro Metastasio (eigtl. Antonio Domenico Bonaventura Trapassi), ein
italienischer Librettist, welcher um 1729 nach Wien kam und Libretti für
Opern von Gluck und Mozart schrieb. Er starb am 12. April 1782 in Wien und
wurde in der Michaelergruft beigesetzt. Sein schwerer und reich verzierter
Zinnsarg steht am vorderen Ende der Gruft exponiert aufgebahrt und wurde
neuerlich restauriert. Dabei hat man entdeckt, dass der Leichnam Metastasios
in einem unbemalten barocken Holzsarg bestattet und in den Zinnsarg gelegt
worden ist.
In
Wandnischen und Karnern liegen Berge von Knochen und Schädeln. Der Boden der
Michaelergruft ist ein festgestampftes Gemisch aus Erde, Moder und
menschlichen Knochen, denn mehrmals wurden Teile der Gruft geräumt, wobei
vier Kirchendiener die morschen Holzsärge verbrannten und die Sterblichen
Überreste darin auf den Boden kippten, mit Sand um Lehm überdeckten und
feststampften. Dieser Knochenboden hat eine Mächtigkeit von 1.5 Metern! Der
Besucher geht in der Michaelergruft also im wahrsten Sinne des Wortes über
Leichen, und dies erklärt auch, warum von den genannten rund 4'000
Bestatteten heut nur mehr 246 Särge vorhanden sind.
Die heutige
Ordnung in der Gruft entstand durch die Salvatorianer, welche 1923 die
Verwaltung der Michaelerkirche übernahmen. Bomben im Zweiten Weltkrieg
beschädigten Wasserleitungen unter dem Michaelerplatz, worauf Teile der
Gruft überschwemmt wurden. Dabei dürften zahlreiche Särge zerstört worden
sein. Als man die Grüfte um 1977 für die Öffentlichkeit zugänglich machte,
wurden Argumente dagegen laut, man ginge ohne einen Sinn für Pietät vor und
stelle die Toten schamlos zur Schau, wo doch die Gruft ein Ort des ewigen
Friedens Verstorbener sei, welchen es nicht zu stören gilt. Man wehrte sich
damit, dass die Besichtigung der Gruft nicht den prickelnden Gang in ein
„Gruselkabinett“ zum Zwecke hätte, sondern vielmehr seien es Beweggründe
wissenschaftlicher Natur. Die Michaelergruft ist wohl derjenige Ort in Wien,
welcher die Facetten des Todes dem Lebenden am offensten und auf
schauerlichste Weise offenbart. Hier wird deutlich, dass das menschliche
Ableben in vergangenen Zeiten einen ganz anderen Stellenwert hatte als
heute, wo das Thema des Sterbens aus der Gesellschaft verdrängt wird.
Zuweilen ist
die Erhaltung der Michaelergrüfte gefährdet, denn hohe Luftfeuchtigkeit und
Insekten (insbesondere der Rüsselkäfer „Pentarthrum huttoni“) setzen der
Anlage zu und bewirken die sukzessive Zerstörung der Särge, weshalb man sich
bemüht, der Öffentlichkeit die kulturelle Bedeutung der Michaelergruft nahe
zu bringen, denn einerseits findet man anderswo kaum originale Zivilkleidung
und vergleichbar gut erhaltene Grabbeigaben aus der Barockzeit, und
andererseits gewährt die Michaelergruft einen beispiellos authentischen
Einblick in die Welt des Sterbens und Begrabenwerdens zur Zeit
Maria
Theresias und Josephs II. Es gibt täglich (ausser Sonntags) Führungen in die
Michaelergrüfte, für die man 5 EUR entrichtet; Treffpunkt ist der Tisch im
Seiteneingang zur Michaelerkirche. Für den Interessierten am Totenkult in
Wien ist der Besuch der Michaelergruft ganz besonders zu empfehlen, zeigt
sie doch den Tod von seiner bizarrsten und bewegensten Seite. Und auch wenn
der Besuch in erster Linie das Interesse von wissenschaftlicher Natur
voraussetzen sollte, kann man den Gang unter die Michaelerkirche dem
Vergleich mit einem Gänsehaut hervorrufenden Ausflug in die gruselige
Schattenwelt des Todes nicht entziehen. Und steigt der Besucher aus den
dunklen Gewölben wieder ans Tageslicht empor, so wird er angesichts des
stets bunten Treibens auf dem Michaelerplatz mit einem anderen Gefühl als
zuvor seinen Blick über die Michaelerkirche schweifen lassen, welche in
ihrem Untergrund einen auf der Welt einmaligen und beispiellosen Ort
menschlicher Vergänglichkeit birgt …
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