1. Bezirk, Postgasse 2

Erfundene Legenden, wechselnde Betreiber und eine stilvolle Wiederbelebung haben aus dem unscheinbaren „Windhaag“ das heutige Café Engländer gemacht – dessen Geschichte im Oktober 2026 ein abruptes (vorläufiges) Ende gefunden hat.
Es ist nie zur Kaffeehauslegende geworden, das Café Windhaag im 1937 von Hermann Steigholzer im Stile der „Neuen Sachlichkeit“ errichteten Gebäude an der unteren Postgasse. Es soll dem Fredl Engländer gehört haben, ein Nichtsnutz aus gutem Hause, der trotz seiner Faulheit ein gewisses Ansehen genoss – wohl wegen seines Charmes. Seine Frau Salomea Engländer soll eine angesehene Salondame gewesen sein. Ihr (angebliches) Porträt hängt bis heute prominent an einer Wand im Gastraum. Doch das Ehepaar Engländer hat als solches nie existiert, es ist der Fantasie des heutigen Betreibers entsprungen.

Das einstige „Windhaag“ gehörte der bekannten Wiener Gastronomenfamilie Koranda. Auch wenn es nicht zu den bekannten Café-Adressen Wiens gehörte, zählte es einige Persönlichkeiten aus der Wiener Kulturszene wie Karl Farkas oder Maxi Böhm zu seinen Stammgästen. Bekannt war das Lokal für seine grosszügigen Öffnungszeiten von 6.30 bis 24 Uhr. Vor allem in den 80er-Jahren hatte das Windhaag keinen guten Ruf, wurde als schmuddelig und heruntergekommen wahlrgenommen.
Der erste Versuch geht in die Hose
Anfang der 1990er war Schluss mit dem „Windhaag“. Attila Corbaci und Christian Wukonigg, zwei stadtbekannte Namen innerhalb der Gastro-Szene, zauberten im Jahre 1991 aus dem ehemaligen „Windhaag“ das „Engländer“, benannt nach dem legendären Windhaag-Gründer. Es entstand ein schickes Kaffeehaus mit Loungebereich, Billardzimmer und einer Bar des bekannten Künstlers Walter Pichler. Einiges wurde vom „Windhaag“ übernommen, jedoch aufgepeppt und mit Edlerem ergänzt. Doch bereits fünf Jahre später brach der Konkurs über das Projekt „Engländer“ herein.

2002 unternahm Christian Wukonigg einen neuen Anlauf, suchte sich einen Sponsor und eröffnete das „Engländer“ neu. Die Pichler-Bar wurde freigelegt und das Kaffeehaus wieder in einen würdigen Zustand zurückversetzt. Das Café schaffte es, erneut eine Art Kultstatus zu erlangen und gehört heute wieder ganz zur Wiener Kaffeehaus-Szene. Bekannt ist es vor allem für seine überdurchschnittlich gute Küche. Einrichtungsmässig ist es auf den ersten Blick zurückhaltend und eher unspektakulär, entfaltet aber beim genaueren Hinsehen eine gewisse Erhabenheit und Eleganz. Allein die Thonetstühle, die rot und grün bezogenen Sitzbänke und die klassisch gekleideten Ober machen das „Engländer“ zum echten Kaffeehaus. Über Gästemangel beklagt man sich hier zu keiner Zeit, es herrscht den ganzen Tag über reger Betrieb. Die Klientel setzt sich aus Einheimischen sowie Kunst- und Kulturmenschen zusammen. Die Stammgäste werden gerne „Engländer“ genannt.
Seit Oktober 2023 ist das Café Engländer mit einer „Aussenstelle“ im 2. Bezirk vertreten: Wukonigg hat in der ehemaligen Polizeistation am Praterstern eine Dependance eröffnet, deren Angebot sich mit demjenigen von der Postgasse weitgehend deckt.

Ein plötzliches Ableben und ein Eklat mit Folgen
Anfang Juli 2026 verstarb Christian Wukonigg überraschend in seinem Café Engländer. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Betreibergesellschaft bereits in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten. Medienberichten zufolge wurde der Gastronom am 7. Juli tot im Café aufgefunden; in unmittelbarer Nähe wurde eine Schusswaffe sichergestellt. Mehrere österreichische Medien berichteten von einem mutmasslichen Suizid. Ein Zusammenhang mit der finanziellen Schieflage ist nicht belegt.
In der Folge übernahmen die Gastronomen Mario Plachutta und Peter Friese die insolvente Wiener Kaffeehaus-Institution im Rahmen eines Bieterverfahrens. Sie kündigten an, das Café weitgehend nach dem bewährten bisherigen Konzept weiterzuführen.
Am 8. Oktober 2026 jedoch sperrte das Café vorzeitig zu, nachdem die gesamte Belegschaft angekündigt hatte, geschlossen das Handtuch zu werfen. Dem Ganzen war ein Vorfall vorausgegangen, bei dem Mario Plachutta das Personal vor den anwesenden Gästen lautstark brüskiert haben soll. Das Kaffeehaus soll nach Umbauarbeiten wiedereröffnet werden. Wann und in welcher Form dies geschehen wird, ist vorläufig offen.
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