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Juventino Rosas (1868-1894)
 

 

Unter den hier vorgestellten Komponisten ist Juventino Rosas ein Exot. Warum er in die Sammlung Musikschaffender des Wiener Genres aufgenommen wurde, soll im folgenden Text hervorgehen.
Am 26. Januar 1868 wurde Juventino Rosas Cadenas in Santa Cruz de Galeana in der Mexikanischen Provinz Guanajuato geboren. Seine Familie war dem Indianerstamm der Otomi angehörig. In seiner Jugendzeit machte Rosas alles, was mit Musik zu tun hatte. Er läutete beispielsweise die Turmglocken der örtlichen Kirche oder spielte auf seiner Fiedel in den Strassen von Santa Cruz. Diese musikalischen Tätigkeiten übte er bereits ab seinem siebten Altersjahr aus. Wenig später kam Juventino Rosas nach Mexiko City, wo er als Zwölfjähriger in einem der bekanntesten Orchester der Stadt Violine spielte. Ab und zu begleitete er mit seiner Violine die seinerzeit berühmte Sängerin Angela Peralta.
Eine wirkliche musikalische Ausbildung bekam Rosas nie. Er schrieb sich zweimal am Staatlichen Konservatorium ein, schaffte jedoch nie den Abschluss. Sein Musikwissen hat er sich grösstenteils selber beigebracht. Es reichte jedoch aus, um ein grosses Orchester zu leiten, mit dem Rosas auch ausser Landes tourte. Die Konzertreisen reichten bis nach New Orleans und Chicago, wo er 1893 an der Weltausstellung dirigierte, an der auch Carl Michael Ziehrer mit seinem Orchester auftrat. Trotz dieser Tätigkeit wurde Rosas nie reich. Im Gegenteil, einmal tauschte er eine seiner Kompositionen, den Walzer 'Dolores', in Monterrey gegen ein Paar Schuhe. 'Dolores' ist ein verschollenes Werk.
Der Grund, der Juventino Rosas hier mit Wien in Verbindung bringt, führt an sich auf einen allgemeinen Irrtum zurück. Im Alter von 16 Jahren konponierte Juventino Rosas einen Walzer, der Geschichte schreiben sollte: 'Sobre las Olas', bei uns bekannt unter dem Titel 'Über den Wellen'. Erstmals erklang der Walzer im Jahre 1884, als Rosas mit seinem Orchester in New Orleans, Louisiana, spielte. Offiziell publiziert wurde der Walzer jedoch erst im Jahre 1888 in Mexiko City und auch Europa. Auch heute noch stehen Musikwissenschaftler oft in dem falschen Glauben, dass das Jahr 1888 das Ursprungsjahr des Walzers sei.

Warum also der indianische Mexikaner Juventino Rosas und Wien? "Über den Wellen" hat fast alle Merkmale des typischen Wiener Walzers und wird meist auch für einen solchen gehalten. Viele Platten mit dem Titel der Wiener Musik beinhalten 'Über den Wellen'. Zumindest das Hauptthema ist jedem Menschen - sei er noch so unmusikalisch und banausisch - schon einmal zu Ohren gekommen, denn die Melodie gehört zweifelsohne zu den einprägsamsten und berühmtesten, welche jemals komponiert wurden, und sie wird dem Titel vollkommen gerecht. Wellenartig schwebt der Hauptwalzer dahin, eine wundervoll singende Melodienfolge, welche später sehr oft in Trickfilmen verwendet wurde. Es handelt sich aber nicht wirklich um Wiener Musik, wenn sie auch noch so wienerisch klingt. Kaum jemand weiss, dass der Komponist Indio-Mexikaner war... Der Walzer war vorerst ein rein musikalisches Werk. Im Jahre 1890 schrieb ein unbekannter Künstler einen spanischen Liedtext dazu, welcher alle vier Walzersequenzen umfasst. Die englische Liedform von 1951 "The loveliest night of the year" umfasst lediglich zwei Sequenzen. Eine erstmalige Tonaufnahme erfolgte mit einem Edison Zylinder im Jahre 1898. Fälschlicherweise wird oft behauptet, der Walzer sei erst nach Rosas' Tod bekannt geworden. In Wirklichkeit aber war das Meisterwerk noch zu seinen Lebzeiten bereits ein berühmtes und viel gespieltes Stück. Dennoch blieb Juventino Rosas ein armer Mann ohne grosse finanzielle Mittel, denn im Februar 1888 verkaufte er sämtliche Rechte an dem Walzer für gerade mal 45 Pesos. Obwohl er stets der genannte Schöpfer des Werkes blieb, standen ihm dadurch keine Tantiemen zu. Auch ging in der Gesellschaft das böse Gerücht um, Rosas sei ein Hochstapler, denn kein Mexikaner sei in der Lage, solch "österreichische" Töne zu schaffen. Man behauptete, der Walzer müsste von einem europäischen Komponisten geschrieben worden sein. Welch Unrecht man Rosas dadurch getan hat!

 

Rosas schrieb in seinem kurzen Leben rund 90 Werke. Davon wurden jedoch bloss etwa 30 veröffentlicht. Der Grund, warum er ausserhalb Mexikos eine eher unbekannte Persönlichkeit ist, liegt darin, dass seine Werke - ausser 'Über den Wellen' - nur in Mexiko publiziert wurden. Zudem existierten bislang keine umfangreicheren Biographien über ihn, und  was man zu Blatte brachte, war nur in spanisch verfasst. Im Jahre 1894 migrierte Juventino Rosas nach Surgidero de Batabanó auf Kuba, wo er an einer Virusinfektion erkrankte, an der er am 9. Juni 1894 erlag. Da wurde er beigesetzt. Im Jahre 1909 brachte man seine sterblichen Überreste zurück nach Mexiko City, wo er auf der Rotonda de los Hombres Ilustres, ein Friedhof für staatliche Persönlichkeiten, seine endgültige Ruhestätte fand.
In den Jahren 1932 und 1950 entstanden Filme über Rosas' Leben, welche beide den Titel 'Sobre las Olas' trugen. In Mexiko wird Juventino Rosas noch heute wie ein Nationalheld verehrt, und seine Geburtsstadt wurde von Santa Cruz de Galeana in Santa Cruz de Juventino Rosas umbenannt. Und jedesmal, wenn die unvergleichlich zauberhafte Melodie irgendwo aus einem Lautsprecher erklingt, soll man ihrem selten genannten Schöpfer gedenken...

Hier können Sie sich den Walzer im MP3-Format anhören: 
 

 

 


 

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